Plattentipps
Jeden Monat neu – die persönlichen Highlights von Markus, Tom und Holger.MILES DAVIS – Doo-Bop / Tutu
In diesem Jahr wäre der große Miles Davis 100 Jahre alt geworden. Vieles wurde und wird in diesem Jahr über den sicherlich größten Innovator im Jazz geschrieben, aus den Archiven erstmals ausgegraben oder erneut veröffentlicht. Mit den Alben „Doo-Bop“ und „Tutu“ gibt es nun endlich auch wieder zwei Neuauflagen aus dem Werk des „späten“ Miles. Dazu eine kleine Vorbemerkung. Es ist unter anderem Marcus Miller zu verdanken, dass es überhaupt einen späten Miles gibt. Miller hat Miles Davis Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts getroffen und war schockiert über dessen Zustand, schwer krank und heftigst drogenabhängig. Die jungen Jazzer um Marcus Miller päppelten ihn auf und mit „The Man with the Horn“ aus dem Jahre 1981 gab es ein fulminantes Comeback mit der gleichzeitigen Schaffung eines neuen Stils, dem typischen Elektro-Jazz des Miles Davis aus den 80ern und frühen 90ern. „Tutu“, erstmalig veröffentlicht 1986, und benannt nach dem südafrikanischen Bürgerrechtler und Erzbischof Desmond Tutu ist sicherlich unter den großen späten Alben das herausragende Werk. Miles Davis klingt kraftvoll und improvisationsfreudig wie zu besten Bitches Brew Zeiten und wird auf dem Album genial von damals jungen Jazzmusikern wie Omar Hakim, Adam Holzman oder George Duke begleitet. Das Album zeigt Jazz, Funk und Fusion „at its best“. Mit dem 1992 postum veröffentlichten Album „Doo Bop“ gab es jüngst eine weitere Wiederveröffentlichung mit einem Beispiel dafür, welches Gespür für Sounds und für musikalische Strömungen Miles Davis hatte. „Doo Bop“ bringt feine Nuancen des 90er Jahre Hip Hop plötzlich auf eine lässige Art in den Jazz, die es so zuvor nicht gab. Das Album gilt sowohl in der Jazz-Community, als auch bei den Hip Hop Fans als ikonisch. Leider konnte Miles Davis, dieser geniale Künstler, die Veröffentlichung von „Doo Bop“ nicht mehr selbst erleben, er starb im September 1991 an den Folgen eines Schlaganfalls.
FINK - The City is coming to Erase it all
Wer den britischen Musiker Fink, eigentlich Finian Paul Greenall, seit seinem Album „Biscuits for Breakfast“ von 2006 verfolgt, wird sich über das neue Album „The City is coming to Erase it all“ sehr freuen. Das neue Album vereint alle so an Fink geschätzten Eigenschaften auf ein Neues. Hier treffen bluesiger Folk mit dem hypnotischen Gesang und Gitarrenspiel von Greenall zusammen. Es werden aber auch Streicher eingewoben, die einen unglaubliche schönen und fließenden Klang in die Musik einbringen, so dass die Musik wie ein Fluss an einem vorbei fließt, auf dessen Oberfläche man sich legen möchte und einfach mitschwimmen. Falls einem mehr nach tauchen zumute ist, lässt sich dies hier auch bewerkstelligen. Einen Tauchkurs in den fantastischen Klang dieser Aufnahme gibt es gratis dazu!
THE SOPHS - Goldstar
Was passiert, wenn ein junger Musiker aus Los Angeles die Demoaufnahmen seiner Band – die noch keinen einzigen Live-Auftritt gespielt hat – an verschiedene Labelbosse schickt und ausgerechnet von Geoff Travis und Jeannette Lee von Rough Trade Records daraufhin direkt unter Vertrag genommen wird? Irgendwas muss an dieser Platte dann wohl dran sein. Sänger Ethan Ramon, gerade mal 24 Jahre alt, hatte seine Demo-Zusammenstellung ohne große Erwartungen an eine Handvoll seiner liebsten Indie-Labels verschickt – schon am nächsten Tag hatte er von Travis und Lee eine Antwort in seinem Postfach. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.Ist es dieses typisch jugendliche Ungestüm, das Goldstar definitiv hat – diese Energie, dieser Wille, auf einem Debütalbum alles zu zeigen, was der Band etwas bedeutet? Ist es die Tatsache, dass zwar deutliche Anleihen und Reminiszenzen zu hören sind, besonders an Bands wie The Strokes oder die frühen The Kooks, mitunter aber auch – was vielleicht an der Stimme des Sängers liegt – an Leute wie Panic! at the Disco und The Hoosiers? Die Musik und die Songs sind unverschämt eingängig, auf eine Art und Weise, wie man sie fast nur auf Debütalben hört – jeder Song funktioniert für sich. Und obwohl man das Album im Gesamten sehr schnell als diese eine Band identifizieren kann, ist doch jeder einzelne Song ganz unterschiedlich, die Stilbreite des Albums erstaunlich. Wo andere Bands sich auf einen Stil festlegen, bedienen sich The Sophs beim Indie, beim Gitarrenpop, tatsächlich auch ein bisschen beim Folk und beim Country – und haben für ihre Melodiebögen immer noch eine zweite, hervorragende Idee parat, die dennoch klingt, als hätten sie sich das alles gerade eben erst aus dem Ärmel geschüttelt.
Goldstar ist zwar schon im März erschienen, wurde aber jetzt erst von mir entdeckt, goutiert und zu einem meiner liebsten Gitarrenplatten des Jahres gekührt.
