Plattentipps
Jeden Monat neu – die persönlichen Highlights von Markus, Tom und Holger. Markus empfiehlt
TOM MISCH - Full Circle
Der Brite Tom Misch ist einer der ganz wenigen jungen Musiker/Produzenten/Arrangeure, die dieses oft nicht zu erklärende natürliche Gefühl für Songs haben. Dabei meine ich diese traumwandlerische Sicherheit genau die richtige Instrumentierung an genau der richtigen Stelle zu setzen, um dadurch stilsicher Hookline an Hookline zu reihen. Sieht man von den Beat Tapes 1 und 2 ab, dann ist „Full Circle“ nach „Geography“ (2018), dem phänomenalen „What Kinda Music“ (2020) und den während Corona bei ihm zu Hause eingespielten „Quarantine Sessions“ (2021) das vierte reguläre Album dieses Ausnahmekünstlers. Jeder Song (keiner länger als 4 Minuten) funkelt wie ein kleiner Diamant und setzt sich unwiderstehlich im Ohr fest. Mühelos überscheitet Tom Misch dabei Grenzen zwischen Accoustic-Songwriting, Jazz oder elektronischer Musik. Tom Misch spielt auf diesem Album, wie eigentlich immer, fast alle Instrumente selbst, auch, und das sei besonders hervorgehoben ein unfassbar schönes Gitarrensolo auf dem Stück „Old Man“. Das Album ist ganz klar ein Highlight des Jahres und läuft bei mir seit Wochen „on heavy rotation“.
Holger empfiehlt
DAVE STAPLETON - Quiet Fire
Nun ist es schon im Mai Sommer geworden und glücklicherweise habe ich ein wunderbares Album entdeckt, das der richtige Soundtrack für einen lauschigen Abend auf dem Balkon oder auf der Terrasse ist. Ein gut gekühltes Getränk, vorzugsweise mit Eiswürfeln, noch dazu und fertig ist der entspannte Abend! Das Album, um das es geht, heißt „Quiet Fire“ und ist das neuste Werk von Dave Stapelton und seinem Trio. Hier wird mit wundervollem Fender-Rhodes-Sound fließender Elektro-Jazz zelebriert, der mit illustren Gästen wie Nils Petter Molvaer und anderen Künstlern ergänzt wird. Alles ist im am Fließen und nie wird es stressig, entspannter kann es gar nicht sein, an einem warmen Sommerabend im Mai! Insgesamt ist es ein sehr gelungenes, fantastisch aufgenommenes Album, das selbst audiophile Ohren schlackern lässt- einfach mal ausprobieren!
Tom empfiehlt
Ed O'Brien - Blue Morpho
Es braucht Mut, nach fast vier Jahrzehnten im Halbschatten einer Kultband endlich beim eigenen Namen anzukommen. Blue Morpho klingt genau danach: wie jemand, der aufgehört hat, sich zu verstecken. Das Album entstand in O'Briens dunkelsten Jahren. Die Pandemie riss jahrzehntelang verdrängte Wunden auf – statt wegzuschauen, schrieb er. Das hört man. Jeder Track atmet diese Schwere, ohne je schwerfällig zu werden. Leise, fast zögernd, aber von entwaffnender Aufrichtigkeit. Musikalisch vereint Blue Morpho psychedelischen Folk, Trip-Hop-Texturen und kinematografische Streicher zu etwas Ungreifbarem. „Incantations" weitet sich langsam zu einem hypnotischen Strudel, der Titeltrack schwebt zwischen Kate Bush, Can und Nick Drake. Das finale „Obrigado" gipfelt in einem rückwärts gespielten Gitarrensolo irgendwo zwischen Hendrix und Pink Floyd – kosmisch und unvergesslich. Blue Morpho ist kein Radiohead-Ableger. Es ist das Werk eines Mannes, der seine eigene Stimme gefunden hat, indem er durch die Dunkelheit gegangen ist.
